Verbrecherjagd in Echtzeit

Die Uhr tickt: Nur einen Tag und eine Nacht für einen Kampf um Leben
und Tod. In der Serie "24" läuft Kiefer Sutherland die Zeit davon.
24 Stunden pures Adrenalin: So gut kann Fernsehen sein.

Scheißtag für Jack Bauer. Der CIA-Agent hat 24 Stunden Zeit, einen Anschlag auf den Präsidentschaftsanwärter zu verhindern und gleichzeitig seine spurlos verschwundene Tochter zu suchen. Gibt es da einen Zusammenhang und wem in seiner Truppe kann Jack überhaupt trauen? Es geht um Leben und Tod und die Uhr tickt...

Wer jetzt auf eine banale, tausendmal verfilmte Krimistory tippt, kann sich auf eine Überraschung gefasst machen. Selten ist Fernsehen so spannend wie bei "24". Verzwickte Handlung mit unverhersehbaren Wendungen, stylish-coole Ästhetik, schnelle Schnitte und Kiefer Sutherland als knallharter und trotzdem verletzlicher Cop in Bestform. Der Clou der Serie: Sie ist in Echtzeit gedreht. Eine Stunde im Leben des Agenten entspricht exakt einer Stunde im TV. 24 Folgen 60 Minuten: Jacks wichtigster Tag beginnt um Mitternacht und endet um Mitternacht des folgenden Tages. Die Handlung wird weder komprimiert noch gestreckt - alles dreht sich um die immer wieder eingeblendete Digitaluhr.

Das clevere Konzept krempelt die Sehgewohnheiten des Zuschauers um und gibt einem das Gefühl, live dabei zu sein. Parallele Handlungsstränge werden mit Splitscreen, d. h. in mehreren Bildschirmfenstern gezeigt, in den Werbepausen läft die Handlung weiter und wird anschließend in Rückblicken erzählt. Ausruhen gilt nicht, wie Jack Bauer werden auch die Zuschauer ständig auf Trab gehalten. Was ist, wenn Jack pinkeln muss? "Dafür gibt es die Werbepausen", so Kiefer Sutherland. Und wenn er von Santa Monica nach Downtown L.A. muss und laut Script nur 12 Minuten Zeit hat? Dann muss eben ein Helikopter her.

Die Erfinder Joel Surrow und Robert Cochran mussten viel Verhandlungsgeschick aufbringen, um 20 Century Fox Television zu überzeugen. Eine Serie mit fortlaufender Handlung, von der man keine Folge verpassen darf, um den Anschluss nicht zu verlieren, entspricht nicht den heutigen TV-Gewohnheiten. Wer zappt, kommt bei "24" nicht mehr mit. Doch zehn Millionen Amerikaner blieben bei den ersten beiden Staffeln gespannt dran, momentan laufen die Dreharbeiten zu Jack Bauers drittem Einsatz. Auch fürs deutsche Fernsehen ist die Serie ein Experiment. RTL erwarb das emmygekrönte Format, wollte jedoch das Risiko eingehen, mit einem über den Haufen geworfenen Programmschema angestammte Zuschauer zu vergrätzen. Eine Folge pro Woche würde den Echtzeit-Charakter kaputt machen, die Folgen müssten dicht an dicht zu sehen sein. Das Risiko gab man an RTL II weiter, das dreimal pro Woche jeweils eine Doppelfolge zeigt und für vier Wochen ihr Trash-TV la "Frauentausch" kürzer fahren muss.

Golden Globe-Gewinner Kiefer Sutherland ist selbst sein größter Fan: "Seit 'Auf der Flucht' habe ich keinen so guten Thriller mehr gesehen." Vielleicht sind die Darsteller deshalb so überzeugend, weil sie während des Drehs nicht weiter als zwei Folgen im Voraus wussten, was mit ihren Charakteren geschieht. "Für die Autoren ist die Echtzeit ein Alptraum, für Schauspieler super", findet Kiefer. "Sie bringt uns dazu, ein bestimmtes Tempo und ein Gefühl für die Dringlichkeit zu entwickeln."

Zwei Jahre war der Sohn der Schauspiel-Legende Donald Sutherland vom Bildschirm verschwunden, kämpfte mit Drogen- und Eheproblemen. Als das Angebot von "24" kam, zögerte er keine Sekunde und startete damit so etwas wie ein kleines Comeback. Kiefer mag innovative Serien: "'West Wing' ist ein fantastisches Drama, 'Ally McBeal' eine fantastische Comedy. Aber das hier ist der wahre Thriller. Wie eine Achterbahnfahrt." Da hat er Recht. "24" ist schweißtraubendes TV-Jogging - keine Zeit zum Luftholen. Dranbleiben!